Montag, 29. Januar 2024

Das Ende - Weise Worte zum Monatsende, 29.1.2024

Das neue Jahr gähnt und schält sich aus seinem Bett aus Orangenschale und Wolkenweich: Erstes Blinzeln einer jungen Sonne, früh im Jahr. Der Mensch wähnt sich neugeboren und fast dem Schrecken des Winters entkommen. Er lächelt und holt sich Krapfen und Gebäck aus den Bäckereifilialen in den seelenlosen Fußgängerzonen unserer Städte und gähnt wie die junge Sonne, die noch nach Orangenschale riecht, über allen Wattewolken hoch entrückt. Sie scheint, ja, sie scheint, doch schwach.
Oftmals kommt mit den Wolken aus dem Westwind Regen herabgedrückt auf die seelenlosen Fußgängerzonen unserer Städte. Man wundert sich und spannt den Regenschirm auf, denkt kurz und stellt fest: "Es ist noch früh im Jahr".

Ich laufe durch graue Wege in den Innenstädten. Am Rande der Straße spielt ein Straßenmusikant eine hohle Bettlerserenade.
An mir vorbei ziehen graue Menschenmassen, ziehen die Köpfe ein vor einem unerwarteten Regen und dem Westwind. Links und rechts Drogeriemärkte, in deren Schaufenstern für Mittel gegen Schnupfen und Heimweh geworben wird. Die automatischen Türen der Geschäfte öffnen und schließen sich im Takt, erzeugen dabei einen Piepton. Sie wirken wie seltsame, noch ungeborene Tiere; im Januar.

 Der Menschenstrom hört nicht auf und flutet graubraun ins Nichts hinein, begleitet von der Bettlerserenade. Ich stelle fest: auch ich trage heute Grau und Braun und auch der Himmel über dem Nichts ist grau und braun. Man hört noch leises Donnergrollen, ehe die Stadt mit ihren Bettlerkolonnen armseliger Menschen, durchweicht von lauer Musik, durchquollen vom eklen Schmiergeruch des Nirgendwo und begraben unter eckigen Formen, im Regenwasser ertrinkt, hineinschwimmt in ein fremdes und leeres Paradies.

Irgendwo, weit weg auf Wasserwellen, hört man einen letzten Ruf: Bettlerfrühling.





Das Ende
ist ein Wortbeitrag, welcher immer um das Monatsende herum erscheint.
Wenn er auch selten ganz wahr ist, so besteht er doch immer aus Worten.

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